KummerkastenLernenSchule

Meine Tochter ist 7 Jahre alt und besucht die 2. Klasse. Sie wurde früher eingeschult, hinkt nun ziemlich hinterher und hat kürzlich eine LRS diagnostiziert bekommen. Laut der Schulpsychologin liegt auch eine Rechenschwäche vor, jedoch keine Dyskalkulie. Ich hätte sehr gerne, dass sie die 2. Klasse nochmals macht. Der Vater will dies überhaupt nicht, er ist der Meinung, dass dies mehr Schaden anrichtet als behebt. Ich habe große Angst, dass meine Tochter in der dritten Klasse untergeht und sie dann während des Schuljahres in die zweite Klasse zurück muss. Das stelle ich mir bei weitem schlimmer vor, als von Anfang an die zweite Klasse zu wiederholen. Haben sie einen Rat für mich? Wie kann ich ihn überzeugen?

 

Die Meinungen über das Wiederholen gehen weit auseinander

Während die einen dafür plädieren, einem Kind durch das Wiederholen einer Klasse die Möglichkeit zu geben, Lernlücken zu schließen, sagen andere, dass das Wiederholen nicht den erwünschten Erfolg bringen würde und plädieren dafür, ein Kind innerhalb seiner Klasse individuell zu fördern. Auch würden Kinder aus ihrem Freundeskries herausgerissen. Zum Teil ist das Thema auch bei den Kindern selbst angstbesetzt.

 

Wiederholen ist nicht gleich Wiederholen

In der zum Teil hitzigen Situation wird meistens wenig differenziert: Es ist ein großer Unterschied, ob ein lernfauler Jugendlicher eine Klasse wiederholt oder ein Grundschulkind, dem aus dem Anfangsunterricht fundamentale Grundlagen fehlen. Der lernfaule Jugendliche wird voraussichtlich noch weniger für die Schule arbeiten als zuvor, da er ja von allem schon einmal etwas gehört hat und sich dadurch im schlechtesten Fall sogar noch weiter verschlechtern. Für das Grundschulkind dagegen kann das Wiederholen die Chance auf eine problemlose Schullaufbahn bedeuten.

In den ersten zwei Schuljahren werden fundamentale Grundlagen gelegt

Lesen, Schreiben und sämtlich Grundrechenarten sind Stoff der ersten beiden Klassen. Zur dritten Klasse hin gibt es dann einen Sprung: Das bisher Gelernte muss angewendet werden können. Schülerinnen und Schüler, die mit diesen Grundlagen noch fundamentale Probleme haben, kommen dadurch schnell ins Schlingern. Überforderung, Versagenserfahrungen und Ängste stellen sich gerade bei sensiblen Schülerinnen und Schülern schnell ein. Aber auch Trotz und Lernunlust können die Folge sein. Oft wird dann die dritten Klasse wiederholt. Die Grundlagen, die fehlen, werden dadurch nie wirklich gelegt und sind für das Kind dauerhaft schwierig abzurufen.
Die zweite Klasse zu wiederholen und dem Kind die Möglichkeit zu geben, ein solides Fundament zu entwickeln, ist meiner Erfahrung nach sehr viel effektiver und nachhaltiger als die Wiederholung der dritten Klasse.

 

Nicht alle Kinder sind bei Schulbeginn auch von ihrer geistigen Entwicklung her schon schulreif

Das hat nichts mit der Intelligenz der Kinder zu tun und auch nichts mit ihrer Körperbeherrschung und ihrer körperlichen Entwicklung. Aber einige Kinder entwickeln beispielsweise die Fähigkeit, ein b ganz selbstverständlich von einem d unterscheiden zu können, erst mit knapp sieben Jahren, während andere schon mit fünf Jahren verstehen, dass sie sich merken müssen, auf welcher Seite des Striches das Bäuchlein ist und dass dieser Unterschied fundamental ist. Ein Kind, das eigeschult wird, ohne diesen Entwicklungsschritt vollzogen zu haben, wird von Anfang an große Probleme haben und grundsätzlich sehr davon profitieren, die erste oder zumindest die zweite Klasse zu wiederholen.

Sie schreiben, dass Ihre Tochter frühzeitig eingeschult wurde. Von daher ist auch dieser Aspekt zu bedenken, zumal Ihre Tochter sowohl mit einer LRS als auch mit Problemen beim Rechnen zu kämpfen hat. Früher eingeschulte Kinder sind auch in ihrer allgemeinen Entwicklung meistens nicht ganz so weit wie die anderen Kinder ihrer Klasse und schließen in der Regel schnell neue Freundschaften innerhalb der neuen Klasse. Sogar Kinder, die mit großen Ängsten zu kämpfen hatten  und auf keinen Fall zurückgestuft werden wollten, haben mir durchweg sehr schnell von neuen Freundschaften berichtet. Bei diesen Kinder war auch die Begeisterung besonders groß, auf einmal kaum Fehler mehr zu haben. Das Lernen hat ihnen daraufhin viel mehr Spaß gemacht, was den Lernerfolg grundsätzlich steigert.

Dem Schulstoff gewachsen zu sein und sich als kompetent zu erleben, stärkt das Selbstbewusstsein und produziert Freude am Lernen

Immer hinterherzuhinken und kämpfen zu müssen kratzt am Selbstbewusstsein. Ständige Versagenserfahrungen führen häufig über kurz oder lang zu Verweigerungshaltungen. Lernen wird immer anstrengender und immer schwieriger. Nicht gelegte Grundlagen sind allein mit Fleiß und Anstrengung schwer nachzuholen.

Homeschooling hat die Lernunterschiede zwischen den Kindern verstärkt

Bei den einen mehr, bei den anderen weniger, je nachdem, wie gut die Betreuung und die Homeschooling-Angebote während der Pandemie waren. Tatsache ist, dass viele Schülerinnen und Schüler zusätzliche Lücken haben. Der Lehrplan jedoch hat sich nicht geändert. Ich erlebe in meiner Praxis, dass zum Teil mit aller Kraft versucht wird, den fehlenden Stoff innerhalb kürzester Zeit doch noch durchzudrücken.
Kinder aber haben während der Pandemie noch viel mehr gelitten als die Erwachsenen. Sie haben unendlich viel nachzuholen: das Spielen mit Gleichaltrigen, das Schließen von Freundschaften, das Entdecken der Welt. Gerade jüngere Kinder haben in der augenblicklichen Situation weder die Kraft noch die Kapazitäten, größere Lernlücken aufzuholen.

  • Stopfen Sie die Sommerferien ihrer Tochter nicht mit Lernen voll. Lassen Sie sie spielen. Lassen Sie ihre Tochter das Menschliche nachholen. Auch das braucht sie für ihre Entwicklung.
  • Gönnen Sie Ihrer Tochter die Möglichkeit, mit einem soliden Fundament durch ihre Schullaufbahn zu gehen. Ich hoffe, dass auch der Vater seiner Tochter hierbei nicht im Weg stehen wird.
  • Beobachten Sie genau, ob auch tatsächlich alle Lücken geschlossen werden. Eventuell kann eine lerntherapeutische Förderung helfen, um lang und kurz sicher zu hören und die daraus resultierenden Rechtschreibregeln anzuwenden. In meiner Reihe „LRS geht weg“ gebe ich darüber hinaus ausführliche Anweisungen, wie Eltern Ihre Kinder hierbei mit ganz kurzen Übungen unterstützen können. Für den Mathematikbereich finden Sie Tipps in diesem Blog.

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