Fast jeden Tag kann man in den Zeitungen etwas über die Bildungsmisere, verkehrte Schulpolitik, zu wenig Lehrer und immer schlechter werdende Schülerleistungen lesen.

Als Lerntherapeutin arbeite ich mit Schülern, die mehr Förderung brauchen, als in der Schule möglich ist. An einer LRS, einer Rechenschwäche oder einer Aufmerksamkeitsstörung (AD(H)S) hat erst einmal prinzipiell nicht die Schule Schuld.
Immer wieder aber kommen auch Kinder zu mir in die Lerntherapie, die bei geeigneterer Beschulung keine besondere Förderung brauchen würden.
Auf einige fundamentale Probleme möchte ich deshalb an dieser Stelle aufmerksam machen:

1. Bei mir in der Klasse ist es ganz laut und die Lehrerin schreit immer so

Das höre ich immer wieder. Der Lärmforscher P. Becker hat während der Stillarbeitsphasen mindestens 50dB gemessen, während der Unterrichtsgespräche und während der Gruppenarbeiten 70-75dB. Auch 80dB kommen durchaus vor.

Der Arbeitsschutz sieht die Schwelle für Konzentrationsstörungen bei 40dB. 50dB entsprechen leiser Radiomusik (die immer ablenkt!). 70dB entsprechen einem Staubsauger oder einem Haartrockner, 75dB einem fahrenden Auto, 80dB starkem Verkehr, einer Dreherei oder ähnlichen Industriebetrieben, in denen selbstverständlich Gehörschutz getragen wird.
Bei einem derartigen Lärmpegel haben schon Kinder mit nur leicht erhöhter Ablenkbarkeit massive Probleme.

Klassenzimmer mit Schallschutz wären natürlich wünschenswert, sind aber angesichts vieler maroder Schulgebäude, die noch auf ihre Sanierung warten, unrealistisch.

Immer mehr Kinder lernen zuhause nicht mehr, auch einmal für eine gewisse Zeit leise zu sein.

Einige Eltern sehen Leise-Sein auch als eine zu starke Restriktion.
Ich weiß selbstverständlich, dass es zum Kind-Sein gehört, auch einmal Lärm zu machen, aber eben nicht während des Unterrichts. In den Klassenzimmern wäre es schlagartig leiser, wenn alle Schüler sich an entsprechende Regeln halten würden.

Das klingt jetzt sehr preußisch, aber es würde gerade benachteiligten Schülern helfen, denen nachmittags niemand alles noch einmal erklären kann.

Dazu wäre es nötig, dass alle Schüler die Autorität einer Lehrerin oder eines Lehrers anerkennen und Lehrkräfte diese Autorität auch leben.

Ein erster Schritt dazu könnte sein, mehr Wert auf Umgangsformen zu legen und Lehrer und Lehrerinnen grundsätzlich zu siezen. W. Steinig hat sogar einen Zusammenhang zwischen dem Siezen und der Leistung von Grundschülern ausmachen können.

Ich persönlich trage als Lerntherapeutin relativ formelle Kleidung und lasse mich siezen. Ich bin nicht die Freundin des Schülers, ich bin seine Therapeutin. Eine persönliche Beziehung, wie sie für den Erfolg einer Lerntherapie unabdingbar ist, lässt sich meiner Erfahrung nach sogar leichter herstellen, wenn die Beziehungsebene, auf der wir uns bewegen, eindeutig ist.

2. Unterschiedliche Rechenwege verwirren viele Schüler.

Oft vermischen Schüler diese unterschiedlichen Rechenwege, indem sie von jedem Rechenweg das nehmen, was sie besonders einfach und praktisch finden. Damit kommen sie leider nur selten zum korrekten Ergebnis.

Unterschiedliche Rechenwege sollten meiner Erfahrung nach nur leistungsstarken Schülern vorgestellt werden. Auf meinen Vorträgen stimmen mir erfahrene Mathematiklehrkräfte in diesem Punkt immer zu und halten es auch so. Allerdings setzen sie sich damit über den Lehrplan hinweg.

3. Die Erklärungen sind zu kompliziert

In meinem Umfeld betrifft das ganz besonders die folgenden Gebiete:

3.1. Die Hinführung zur schriftlichen Division mehrstelliger Zahlen

Ziel ist es, den Schülern den mathematischen Hintergrund verständlich zu machen. Die Realität sieht jedoch so aus, dass Eltern von LRS-Kindern verzweifelt mit dem Mathebuch vor mir stehen und sagen: „Heute müssen wir ausnahmsweise Marthe machen. Ich weiß einfach nicht, wie ich das erklären soll.“

Auch für das Addieren und Subtrahieren mehrerer Zahlen untereinander gibt es erstaunlich komplizierte Methoden, zum Teil mit Zwischen- und Hilfszahlen sowohl oberhalb als auch unterhalb des Rechenturms.

Die Rechenschwächetherapie besteht dann in erster Linie darin, dem Kind eine einfachere Methode beizubringen, die es dann auch selbstständig bewältigen kann.

Es ist schön, wenn Kinder die mathematischen Prinzipien verstehen, die einer Rechnung zugrunde liegen. Allererstes Ziel sollte es allerdings sein, dass die Kinder richtig rechnen.

3.2. Die Satzglieder

Subjekt, Prädikat und Objekt bestimmen zu können ist eine wichtige Grundlage fürs Fremdsprachenlernen. Um den Schülern das Bestimmen zu erleichtern, werden häufig zusätzlich farbige Symbole wie Kreis, Halbkreis, Dreieck usw. eingesetzt.

Ich erlebe jedoch immer wieder Kinder, die Subjekt, Prädikat und Objekt durchaus logisch finden und auch korrekt bestimmen können, aber ständig mit den Symbolen durcheinanderkommen.

3.3. Schreiben nach Gehör

Zu den fatalen Auswirkungen des zum Glück langsam aus der Mode kommenden Schreibens nach Gehör lesen Sie bitte meinen Blogartikel zu dem Thema

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