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Mein Kind schreibt die Wörter, wie es sie hört, macht dabei unzählige Fehler, aber wir dürfen nichts verbessern. Was sollen wir tun?

Dahinter steht die Methode des Schreibens nach Gehör, die auf Jürgen Reichen zurückgeht. Hörend zu schreiben ist an sich erst einmal nichts Böses. Auch ich beginne in der LRS-Therapie mit dem mitsprechenden, hörenden Schreiben, allerdings nehme ich dafür nur Wörter, bei denen man auch tatsächlich alles ganz eindeutig hören kann. Und das trifft längst nicht auf alle Wörter zu. Abgesehen davon, dass viele Dopplungen und das Dehnungs-H nicht hörbar sind, gibt es auch absolut identische Laute, die trotzdem unterschiedlich geschrieben werden: das kurze E und das kurze Ä wie in Essen und Äffchen, Äu und Eu, Ei und Ai, Tz und Z sowie die langen i-Laute (i/ih/ieh).

 

Schreiben nach Gehör

Beim Schreiben nach Gehör darf nach der reinen Lehre allerdings nichts verbessert werden, denn man will keinen Schüler frustrieren und in seinem Schreibelan beschränken. Angeblich fördert man so die Begeisterung, sich schreibend mitteilen zu können. Angeblich schreiben Schüler dann auch viel schneller kleine Geschichten und Briefe. Ich persönlich bezweifele das. Auch früher haben ABC-Schützen schnell damit begonnen, kleine Briefe und Nachrichten zu schrieben, allerdings nicht in der Schule unter der Aufsicht der Lehrer. Und es haben nicht alle getan.

Heutzutage sollen es alle tun, aber das heißt noch lange nicht, dass es allen gelingt. Oder dass auch wirklich alle Freude daran haben. Aber um diese angebliche Freude nicht in Frust kippen zu lassen, darf im Anfangsunterricht nichts korrigiert werden. Gar nichts. Der Frust kommt dann irgendwann im zweiten Schuljahr, wenn plötzlich die Rechtschreibung gilt.

 

Kinder kommen nicht mit der Erwartung in die Schule, schon alles zu können!

Ich muss in dem Zusammenhang immer an ein Kleinkind denken, dass lernt sich aufzurichten. Dabei fällt es, wie jeder weiß, immer wieder hin. Trotzdem ist es nicht frustriert, es weiß ja, dass es noch nicht frei stehen kann, sondern probiert es eifrig immer wieder aufs Neue, bis es endlich klappt und ist dann ausgesprochen stolz auf sich. Aber es wäre mit Sicherheit äußerst frustriert, würde man ihm sagen, dass es jetzt leider vollkommen falsch steht und es das deshalb noch einmal umlernen muss.

 

Rechtschreibregeln haben viel mit Konvention und mit Sprachgeschichte zu tun

Zum Glück ist der Drang aufzustehen und sicher auf den eigenen Beinen zu stehen, fest in unserem genetischen Programm verankert, wir brauchen niemanden, der uns sagt, wie das geht. Das ist beim Schreiben anders. Schreiben ist wie Lesen eine Kulturtechnik. Schreibregeln haben viel mit Sprachgeschichte und mit Konvention zu tun, beides Dinge, die wir nicht unbedingt mit der Atemluft oder der Muttermilch zu uns nehmen, sondern die uns jemand vermitteln muss.

 

Der Faktor Glück

Es gibt Lehrer, die mit jeder Methode gut unterrichten, weil sie ihren Menschenverstand nicht an der Klassenzimmertür abgeben und es gibt Schulen, die es als ihre Aufgabe sehen, jedem Kind zu ermöglichen sein Potential auszuschöpfen und denen das auch weitgehend gelingt.

Es gibt Schüler, die mit jeder Methode gut lernen, und die auch nicht unbedingt eine Lehrkraft dafür brauchen. Und es gibt Eltern, die sich einfach nicht darum kümmern, was die Lehrkraft sagt, von Anfang an verbessern und erklären, häufig ohne das an die große Glocke zu hängen. Mitunter lebt in solchen Familien im Westen wie im Osten Deutschlands ein Stückchen DDR- Kultur fort, indem nämlich jedem Familienmitglied absolut bewusst ist, dass es Dinge gibt, die niemand nach außen trägt.

Es gibt aber auch Eltern, die denken, dass es reicht, wenn ihr Kind regelmäßig zur Schule geht. Und es gibt Eltern, die entweder nicht die Zeit haben, ihren Kindern das Regelwissen zu vermitteln, oder die gar nicht wissen, wie sie das machen sollen. Wenn diese Kinder Glück haben, wenn die Familien bereit sind, den Gürtel enger zu schnallen und das nötige Wissen für ihre Kinder auf dem freien Markt einzukaufen, kommen sie zu mir.

Ein solches Kind, das niemals ein LRS-Kind hätte sein müssen, inzwischen in die 5. Klasse geht und das Wissen aufsaugt wie ein Schwamm, fragte mich vor kurzem: „Warum hat mir bisher eigentlich niemand gesagt, wie das geht?“

Ersparen Sie das Ihrem Kind. Verbessern Sie. Loben Sie, was Ihr Kind richtig geschrieben hat. Erklären Sie Ihrem Kind, warum man ein Wort so schreibt und nicht anders und wie es das auch alleine herausfinden kann. Sie brauchen nicht jedes Wort zu verbessern. Nehmen Sie sich bestimmte Fehlersorten vor und zeigen Sie Ihrem Kind auf, wie es die vermeiden kann. Falls Sie unsicher sind, wie Sie richtig erklären können, hilft Ihnen dabei meine Reihe LRS geht weg!.

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Schraibm nach gehöa

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04.03.2015, von UTA RASCHE

 

Elternbriefe-online, Entwicklungen und Fehlentwicklungen an Grundschulen

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