Ein leidiges Thema, das uns mit Sicherheit noch des Öfteren beschäftigen wird.

Zwischen Extrempositionen wie der des Gehirnforschers Manfred Spitzer, der bei unseren Kindern die Gefahr einer digitalen Demenz sieht[1] und Urs Gasser, der sogar bei Computerspielen positive Lerneffekte ausmacht[2], gibt es so ziemlich jede These, und fast immer ist eine allerliebste kleine Studie beigefügt.

Fakt ist: Handys, Smartphone und Computer sind Teil des Lebens unserer Kinder

Und das werden sie auch bleiben. Eine digitale Abstinenz, wie sie Manfred Spitzer für Kinder und Jugendliche unter 16 befürwortet, ist schlicht und ergreifend unrealistisch. Kommunikation und Verabredungen finden heutzutage über das Smartphone statt, es wäre grausam, einen Heranwachsenden davon auszuschließen.

Fakt ist aber auch: Handy und Smartphone lenken beim Lernen und Arbeiten ab

Und zwar nicht nur unsere Kinder, sondern auch uns selbst. Jedes Mal, wenn Telefon oder Handy klingeln oder auf dem Bildschirm die Nachricht erscheint, dass wir eine neue Mail erhalten haben, werden wir aus unserer Konzentration und aus unserem Gedankengang herausgerissen. Neue Nachrichten nur ein oder höchstens zweimal täglich abzurufen gehört zum Standardtipp jedes Kurses über Zeitmanagement.

Eine Studie der London School of Economics hat ergeben, dass Schüler an Handy-freien Schulen um zwei Prozent höhere Leistungen erbringen. Das klingt nach nicht viel. Besonders interessant aber ist, dass die Verbesserung bei schwächeren und benachteiligten Schülern doppelt so hoch war.[3]

Erste Ergebnisse der Blikk-Studie gehen in dieselbe Richtung. Die BLIKK-Studie ist auf 8 Jahre angelegt und erforscht im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3 – J1, ob es einen Zusammenhang zwischen den Nutzungszeiten von Medien und seelischen oder körperlichen Krankheiten im Kindesalter gibt. Entwickelt wurde die Studie vom Institut für Medizinökonomie & Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln, der Universität Essen und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. BLIKK steht für „Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation“.

Die Studie ist noch nicht abgeschlossen. Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß und der Intensität der Internetnutzung und der schulischen Leistung gibt.[4] Auch die Vorbildrolle der Eltern soll sehr wichtig sein.

  • Gehen Sie also mit gutem Beispiel voran! Gönnen Sie sich störungsfreie Konzentrationsinseln, in denen Sie wichtige Aufgaben erledigen! Ihr Kind wird dann eher bereit sein, sein Handy während des Lernens ebenfalls einmal auszuschalten.

Die Schule hat ein Trainingsprogramm zum Vokabel- und Grammatiklernen empfohlen. Ist das sinnvoll?

Fakt ist: Das Lernen von Vokabeln und Grammatik ist am Computer nachweislich weniger erfolgreich als mit Papier und Stift.

Dafür gibt es zahlreiche Belege, und das berichten mir sowohl Eltern als auch Schüler. Die Ursachen für den schlechteren Lernerfolg am Computer sind überaus logisch:

  • Beim Tippen ist uns weniger bewusst, welchen Buchstaben wir tippen, als wenn wir mit der Hand schreiben. à Am Computer üben wir die Rechtschreibung weniger intensiv und können sie daher später schlechter abrufen.
  • Bei allem, was wir am Computer tun, haben wir die Existenz der Speichertaste im Kopf. à Wir sind beim Lernen am Computer ganz automatisch weniger aufmerksam, weil wir wissen, dass wir ja alles ganz schnell speichern können.
  • Lernprogramme verleiten dazu, verschiedene Möglichkeiten der Schreibweise oder der Grammatikendungen auszuprobieren, bis zufällig die richtige gefunden ist. à Das grüne Häkchen, das besagt, dass alles richtig ist, beruht auf Ausprobieren, nicht auf Wissen. Die positive Rückmeldung gibt den Kindern und Jugendlichen jedoch das Gefühl, ausrechend gelernt zu haben.
  • Beim Faktenlernen hilft der Computer nicht.

 Was oft übersehen wird: Computer und digitale Medien ermöglichen auch ganz neue, intensive und wirkungsvolle Formen des Lernens:

  • Filme bringen mir eine vergangene Epoche, einen Autor oder ein Theaterstück beziehungsweise einen Roman näher.
  • Ich kann in Echtzeit mit Menschen auf der ganzen Welt in ihrer Sprache kommunizieren. Schulklassen auf unterschiedlichen Kontinenten können gemeinsam an ein und demselben Projekt arbeiten und ihre Ergebnisse miteinander austauschen. Freundschaften, die auf Sprachreisen entstanden sind, bleiben lebendiger.
  • Ich kann unter einer großen Zahl fremdsprachiger Filme auswählen, zu denen ich mir Untertitel einschalten kann, damit ich den Film besser verstehe. Dabei bitte nie deutsche Untertitel wählen, sondern zu englischen Filmen englische, zu französischen Filmen französische und so weiter. Deutsche Untertitel lenken massiv von der Fremdsprache ab!

 

  • Computer können das Lernen ganz ungemein unterstützen. Computer und digitale Medien ermöglichen es, ganz viel Leben und Lebendigkeit ins Lernen zu bringen.
  • Vokabeln, Grammatik und Formeln müssen trotzdem gelernt werden. Dabei hilft der Computer nicht.

 

Neue Techniken haben Menschen schon immer verunsichert.

Als ab 1825 die ersten Eisenbahnen fuhren, wurde vor Krankheiten aufgrund der hohen Geschwindigkeit gewarnt.

Im 18. Jahrhundert waren die Gefahren durch das Lesen ein großes Thema. Man befürchtete durch das Lesen nicht nur körperliche Schäden, sondern auch verderbliche Einflüsse auf Kinder und Frauen.

  • Bleiben Sie entspannt. Seien Sie Vorbild.
  • Suchen Sie gemeinsam mit jüngeren Kindern im Netz nach Antworten auf spannende Fragen. Kindersuchmaschinen wie Blinde Kuh helfen Ihnen dabei.
  • Sprechen Sie mit älteren Kindern über Zeitmanagement. Delegieren Sie das Abfragen der Vokabeln nicht an den Computer. Streamen Sie fremdsprachige Filme und schauen Sie die gemeinsam mit Ihren heranwachsenden Kindern. Lassen Sie sich erzählen, was es im Netz Neues gibt und was daran spannend ist! Verlieren Sie nie Ihre Neugier!

Lesen Sie auch folgende Blogartike:

 Computer in der Grundschule?

Mein Sohn chattet nur und liest nicht!  

Warum Multitasking nicht funktioniert

 

 

Interessant zu dem Thema:

Die Süddeutsche Zeitung mit einer Besprechung von Manfred Spitzers Buch „Digitale Demenz“ vom 9. September 2012.

Lesewut, Lesesucht und gefährliche Romane

[1] Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, 2012.

[2] Surfen macht schlau, 2008 erschienen in Generation Internet (Hanser).

[3] The Guardian, 15. May 2015.

[4] Ärzte Zeitung, 08.03.2017.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Beitragskommentare