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Die Beratungslehrerin hat bei unserer Tochter LRS festgestellt und uns eine Einrichtung empfohlen, in der die Kinder vor den Computer gesetzt werden und Übungen bekommen. Aber kann eine LRS überhaupt wieder weggehen? Und wie kriegt ein Kind LRS?

Eine LRS ist auf jeden Fall therapierbar, die Fähigkeiten im Lesen und Schreiben lassen sich massiv verbessern. Ein Kind hauptsächlich vor einen Computer zu setzen, ist jedoch meist wenig effektiv. Denn zuallererst muss geklärt werden, welche Ursache die LRS hat. Davon hängt dann die Therapie ab.

Ursachen für LRS

1. Das Kind kann den Unterschied zwischen langen und kurzen Selbstlaute nicht hören.

Nach einem langen Selbstlaut schreiben wir 1 Mitlaut, nach einem kurzen Selbstlaut schreiben wir 2 Mitlaute. Ein Kind, das den Unterschied nicht hören kann, versteht grundlegende Rechtschreibregeln nicht. Einige Kinder versuchen dann, die Rechtschreibung jedes einzelnen Wortes auswendig zu lernen. Das gelingt aber höchstens in den ersten beiden Klassen.
Vor einem Strategie- und Regeltraining müssen diese Kinder lernen, lange und kurze Laute voneinander zu unterscheiden. Das kann über zwei Monate dauern. Diese Geduld muss man aufbringen. Ich habe aber noch kein Kind erlebt, dass das nicht gelernt hat. Mein Buch Das kann ich hören habe ich besonders für diese Kinder geschrieben.
Häufig haben auch Eltern oder/und andere Verwandte LRS.

2. Die Lese- und Schreiblernmethode war für das Kind ungeeignet.

Durch Lesen- und Schreibenlernen anhand der Druckschrift wird das mitsprechende Schreiben und das verschleifende Lesen erschwert. Dadurch machen die Kinder Fehler, obwohl sie eigentlich alles Nötige hören und verstehen können. Das mitsprechende Schreiben in Schreibschrift verbessert bei diesen Kindern sofort auch die Leseleistung. Auch die eigentlich verbotene, aber teilweise immer noch praktizierte Methode des Schreibens nach Gehör produziert LRS.
Lesen Sie dazu meinen Leserbrief in der FAZ: Die Druckschrift und das Lesen.

3. Das Kind hat eine Konzentrationsschwäche.

Es schreibt überhastet, macht Flüchtigkeitsfehler und lässt gut hörbare Laute aus. Das Schreibenlernen anhand der Druckschrift sowie laute Klassen verschärfen das Problem.
Mitsprechendes Schreiben, ein Strategie- und Regeltraining mit Einübung eines Selbstgesprächs und eine sorgfältige Kontrolle des Geschriebenen lässt diese Kinder viele Fehler vermeiden. Zusätzliche Zeit zum Kontrollieren hilft diese Kindern sehr viel mehr als eine schwächere Gewichtung der Rechtschreibung, die diese Kinder in ihrem flüchtigen Arbeitsstil nur bestärkt.
Außerdem sollte nach der Ursache der Konzentrationsschwäche gesucht und die Konzentrationsschwäche behandelt werden. Oft hilft schon eine Ernährungsumstellung.

4. Das Kind sieht schlecht.

Gerade erst habe ich ein Kind, dem eine Beratungslehrerin eine schwere LRS bescheinigt hat, zum Sehtest geschickt. Das Kind sieht so schlecht, dass es ein Wunder ist, dass es überhaupt lesen gelernt hat – mit einer Lupe in der Hand liest es augenblicklich besser. Man sollte denken, dass eine Beratungslehrerin, die nur dieses eine Kind vor sich hat, eine Sehschwäche erkennen kann. Leider kann man sich darauf nicht verlassen.

5. Das Kind spricht schlecht Deutsch

Einige Kinder mit Migrationshintergrund sprechen so undeutlich und vernuscheln so viele Endungen, dass sie schreiben wie ein Kind mit schwerer LRS. Hier muss man sehr genau unterscheiden, ob das Kind aufgrund seiner schlechten Deutschkenntnisse so fehlerhaft schreibt oder ob es zusätzlich lange und kurze Laute nicht auseinanderhalten kann. Nur einfach die Rechtschreibleistungen nicht zu bewerten, hilft den Kindern nicht, sondern zementiert das schlechte Deutsch und die fehlerhafte Rechtschreibung.

Ein LRS-Test misst die Anzahl der Fehler, die ein Kind macht. Gute LRS-Tests unterscheiden zusätzlich noch verschiedene Fehlersorten.

Eine LRS wird diagnostiziert, wenn ein Kind mehr Fehler macht als 90 % einer Vergleichsgruppe, wenn es also zu den schlechtesten 10 % gehört. Ob ein Kind schlampig ist und keine Lust hatte, ob es Konzentrationsprobleme hat oder ob es sich sehr anstrengt und beim besten Willen nicht besser kann, misst der Test nicht. Dazu müssen zusätzliche Tests gemacht und vor allem das Kind genau beobachtet werden.

LRS ist kein unausweichliches Schicksal wie eine Querschnittslähmung oder Blindheit. LRS steckt nicht an. LRS kann man – weitgehend – in den Griff kriegen.

Das ist jedoch anstrengend und braucht einen langen Atem. Die täglich nötige Übungszeit ist nur kurz, muss jedoch in einem oft eng getakteten Familienalltag untergebracht werden.
Arbeitsblätter, die ein Kind ganz allein bearbeiten kann, helfen kaum. Ein Diktatsatz muss jedoch von einer anderen Person diktiert werden, dafür müssen sich Eltern, Großeltern oder andere die Zeit nehmen – bei schwerer LRS täglich für mindestens ein Jahr.

Von einer echten LRS spreche ich persönlich nur, wenn ein Kind lange und kurze Selbstlaute nicht unterscheiden kann. Das heißt, wenn die LRS in seiner Disposition begründet ist und nicht in äußeren Umständen.

LRS ist am ehesten vergleichbar mit Diabetes. Wer medikamentös gut eingestellt ist, sich bewusst ernährt und regelmäßig bewegt, dem merkt man seine Krankheit nicht oder kaum an.

Eine Krankheit, die das Schicksal bestimmt und der man hilflos ausgeliefert ist, muss LRS nicht sein.

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