Meine Tochter Hannah kommt in die 6. Klasse und hat immer noch LRS, obwohl wir ganz viel geübt haben und sie auch in den LRS-Stützkurs gegangen ist. Jetzt habe ich gehört, dass Lerntherapie bei LRS helfen soll. Aber bringt ihr das jetzt überhaupt noch etwas?

Wie für fast alles im Leben ist es auch für eine LRS-Therapie nie zu spät.

Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter formbar. Das beweisen Gehirnscans nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen.
Wir wissen dadurch, dass sich beim Lesen- und Schreibenlernen nicht nur Strukturen in der Großhirnrinde verändern, sondern auch ältere, tiefer liegende Bereiche, in denen wir Bilder und räumliches Sehen verarbeiten.

Schüler mit LRS müssen nicht fleißiger üben, sondern in erster Linie sehr viel umlernen.

Das heißt, sie müssen sich eine neue Methode aneignen, die ihnen nicht nur hilft, weniger Fehler zu machen, sondern sie auch dabei unterstützt, sich zu kontrollieren und eigene Fehler sowohl zu finden wie auch zu berichtigen. Sie müssen lernen, beim Schreiben nicht nur mitzusprechen, sondern auch mitzudenken. Das erfordert Anstrengung, Konzentration und den Willen, das beides auch immer wieder aufzubringen.
Reines Üben hilft ihnen kaum.

Die meisten LRS-Schüler hören den Unterschied zwischen langen und kurzen Lauten nicht

Dadurch können sie nicht entscheiden, ob ein doppelter Konsonant (Mitlaut) folgen muss oder ein einfacher. Kurze und lange Laute zu hören kann man jedoch lernen. Oft ist dies derjenige Teil der LRS-Therapie, der am meisten Zeit kostet.
Ich habe jedoch noch keinen Schüler erlebt, der das nicht irgendwann gelernt hätte. Denn auch das Gehör kann man schulen.

Ältere Schüler sind oft hochmotiviert

Sobald sie merken, dass sie eine Chance haben, Ordnung in ihr Schreibwirrwarr zu bringen, sehen die meisten trotz Pubertät sein, dass es ohne tägliche Kurzübung nicht geht. Das heißt natürlich nicht, dass sie nicht auch einmal murren und stöhnen. Es wäre gruselig, wenn sie das nicht täten.

Ältere Schüler können systematischer denken und arbeiten (wenn sie wollen)

Dadurch verkürzt sich die Lerntherapie.
Sobald sie gelernt haben, kurze und lange Laute zu unterscheiden, fallen ihnen  die weiteren Strategien und Regeln oft sehr viel leichter. Ich erlebe immer wieder, dass Lehrer gerade bei älteren Schülern schon nach wenigen Monaten eine deutliche Verbesserung der Rechtschreibung bemerken.

Tipp

  • Besprechen Sie mit Hannah, ob sie dazu bereit ist, daran zu arbeiten, ihre LRS zu überwinden. Erklären Sie ihr, dass das weitgehend möglich ist.
  • Hannah sollte wissen, dass sie dafür sehr viel umlernen muss und dass das ohne regelmäßiges Üben nicht funktioniert. Die Übungszeit selbst muss nicht lang sein, 10-15 Minuten (täglich!) reichen in der Regel.
  • Suchen Sie eine qualifizierte Lerntherapie. Achten Sie darauf, dass auch tatsächlich am genauen Hören angesetzt und zügig eine genaue Zuordnung von Lauten und Buchstaben vollzogen wird. Ältere Schüler lernen das meist schneller in der Einzel- als in der Gruppentherapie.
  • Für eine erfolgreiche LRS-Therapie muss möglichst jeden Tag etwas ganz bewusst gelesen und geschrieben werden. Mündliche Übungen allein helfen auf Dauer nicht, denn wir lernen nur das, was wir auch tun.
  • Genaue Anweisungen zum häuslichen Selberüben finden Sie in meiner Reihe LRS geht weg!. Der Band Das kann ich hören! erklärt, wie Sie Hannah beim genauen Hören und Schreiben unterstützen können. Eventuell haben Sie Großeltern, Nachbarn oder Freunde, die mit Hannah lernen können. Oft geht das Lernen entspannter, wenn nicht die Eltern beteiligt sind.
  • Gehen Sie das Problem an! Eine LRS belastet einen Menschen bis ins Erwachsenenalter. Denken Sie daran: Das Gehirn ist formbar!

Interessant zum Thema:

Barbara Reye: Die Macht der Buchstaben. Tagesanzeiger, 26.05.2017.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Beitragskommentare